Leben auf Gran Canaria

Leben und arbeiten als Auswandererin auf Gran Canaria

Wie deutsch bist Du?

Oktober 4th, 2013

Nein, das Thema habe ich mir nicht ganz ausgesucht. Aber ich hab heute mal beim Webmasterfriday vorbeigeschaut und da ist das neue Thema der Woche eben Wie deutsch bist Du – Thementag zum Tag der deutschen Einheit. Und damit kann ich bei der Beantwortung der Frage gleich anfangen, den Feiertag hab ich erst Abends mitbekommen, als im Fernsehen Feiertagsprogramm lief und eben nicht mein gewohntes Programm. Den ansonsten war hier auf der Insel wenig von dem deutschen Feiertag zu merken. Allerdings hänge ich auch weniger in den deutschen Ecken hier rum.

Vor meiner Auswanderung hätte ich gesagt, deutsch sein gibt es für mich weniger. In erster Linie bin ich Mensch. Inzwischen merke ich aber meine Sozialisation doch sehr deutlich, eben durch den Kontrast in der Fremde. Ich mein, dass hier nicht alle ganz so pünktlich sind, bzw. unter Pünktlichkeit eben etwas anders verstanden wird, geschenkt, dass stört mich auch weniger, zehn Minuten hin oder zwanzig Minuten her, es gibt schlimmers. Und das berüchtigte mañana gibt es hier auch sehr selten. Wenn auf Gran Canario ein Einheimischer sagt, er kommt morgen, kommt er auch oder ruft wenigstens an. Zumindest im geschäftlichen Bereich. Da habe ich mit deutschen Dienstleistern schon ganz anderes erlebt, nächste Woche kann bei den deutschen Fachhandwerker auf Gran Canaria schon mal nächste Woche im nächsten Jahr bedeuten. Wobei das natürlich auch ein Einzelschicksal sein kann. Das heißt, das typisch deutsche (Wertarbeit, Pünktlichkeit) findet sich, zumindest auf Gran Canaria, manchmal eher bei den Canarios als bei den Deutschen. Wobei es natürlich heftige Unterschiede gibt, aber wenn man an einen Ausgewanderten gerät, der vor allem dann arbeitet, wenn er mal wieder den Kühlschrank mit Flüssigbrot füllen muss, dann hat man eben Pech gehabt. Aber nach einer Weile weiß man das auch.

Typisch deutsch werde ich dann aber beim Essen. Es gibt keinen größeren Genuss inzwischen, wenn es gelungen ist, richtiges Rouladenfleisch zu ergattern (von Tafelspitz träume ich seit fünf Jahren). Und als ich neulich in einem Geschäft Schillerlocken gefunden habe (den Fisch, nicht das Bäckereiprodukt), das war wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal. Mein Gaumen ist eben typisch deutsch. Ich probiere auch gerne von den einheimischen Produkten hier, einiges bereichert den Speiseplan eben, anderes bleibt ein einmaliger Ausrutscher. Aber das wäre ja in Deutschland auch nicht anders. Mich hat es auch schon innerhalb Deutschlands in diverse Regionen verschlagen. Im Schwäbisch mochte ich so tolle Sachen wie handgeschabte Spätzle sehr gerne. Kutteln habe ich noch nicht mal probiert. Grusel, wobei es die auch auf dem spanischen Festland als Tapas gibt. Soviel zum typisch deutschem Essen.

Lustiger wird das typisch Deutsch ja dann eher, wenn man es mit Einheimischen zu tun bekommt, die öfters mit deutschen Auswanderern zu tun haben. Allgemein haben wir deutschen Einwanderer auf Gran Canaria zwar einen guten Ruf, aber es gibt halt auch welche, die werden dann als Cabeza cuadrado bezeichnet oder ab und an auch scherzhaft als Kartoffel. Allein daran merkt man, dass die meisten Canarios eben auch fein unterscheiden, es gibt eben Deutsche, die sie mögen und eben welche, um die sie lieber einen ganz ganz großen Bogen schlagen. Typisch Deutsch gibt es für sie meist nur im scherzhaften Gespräch. Wobei typisch Deutsch dann meist die Pünktlichkeit sein soll.

Wo ich inzwischen aber aufpasse ist bei der Vermengung Internet und Real-Life. Es ist nicht lustig, wenn man leicht ironisch-scherzhaft, sich auch selbst auf die Schippe nehmend, einen kleinen Bericht vom Vorabend liefert und ein deutscher Quadratschädel, der einen nicht leiden kann, nur weil man selbst eben nichts mit Dauersuffpatienten zu tun haben möchte, einen solchen Beitrag eins zu eins ins Spanische übersetzt. Gar nicht lustig. Aber spätestens wenn man dem Spanier dann den Hintergrund erklärt, ist das Problem auch gelöst.

Wie deutsch bin ich also? Beim Essen teilweise, auch wenn es eine typisch deutsche Küche ja ebenso wenig gibt, wie eine typisch spanische. Ich bin gerne pünktlich, aber das sind viele Spanier auch. Gut, ich kann mich nicht so toll beim Fußball gucken aufregen, wie die Spanier. Aber ich kenne auch ziemlich viele deutsche Fußballfans, die da locker mit den spanischen Fans mithalten können.

Bin ich stolz drauf Deutsche zu sein? Naja, ich empfinde es als glücklichen Zufall, in einem wirtschaftlich gut gestellten Land aufgewachsen zu sein und dort eine gewisse Ausbildung erhalten zu haben. Aber das ist ja weniger mein Verdienst. Ansonsten ist mir das relativ egal. Mit Spaniern über deutsche Geschichte zu diskutieren ist eh eher unmöglich. Ein Bekannter hier von uns ist zum Beispiel wahnsinnig stolz darauf, dass sein Großvater bei der Blauen Division war. Soll ich mit ihm jetzt Krach anfangen und meine Meinung dazu kundtun? Ich hab das in mehreren Jahren Geschichtsunterricht gelernt und einiges zu gelesen, wie soll ich das mit ihm abschließend diskutieren? Ich streite mich mit Spaniern ja auch nicht über Stierkampf (wobei dieser auf Gran Canaria zum Glück verboten ist).

Leider habe ich kaum Einblicke in die spanische Blogosphäre. Spanisch lesen kann ich zwar lesen, aber lange nicht gut genug, um Feinheiten wie Ironie oder ähnliches zu erkennen, daher lass ich das lieber und erlaube mir zu dem Thema kein Urteil.


4 Responses to “Wie deutsch bist Du?”

  1. Ann-Bettina

    Ja, mit den Vorurteilen ist das so eine Sache. Was so alles typisch deutsch, spanisch usw. sein soll. Kommt immer auf den Einzelnen an.

  2. Safferthal

    „Kutteln habe ich noch nicht mal probiert. Grusel,“

    Als gebürtiger und immer noch hier lebender Schwabe hast du jetzt einen Eintrag in meine Akte bekommen. 🙂 Ups, dann muss ich mich selber auch noch eintragen. Ich habe das auch noch nie gegessen; hoffentlich komme ich nie in die Verlegenheit es mal „zu müssen“.

    In Spanien würde ich aber glaub nicht glücklich werden. Ist mir zu heiß und ich bin kein Fan vom dem ganzen Südland-Essen. Man kann nicht alles mögen.

  3. Typisch deutsch – oder doch nicht? › Saphiras World

    […] Leben auf Gran Canaria (Name??) hat eine ganz andere Sicht auf typisch deutsche Dinge […]

  4. Bella

    Safferthal, dafür liebe ich Spätzle (wobei ich sogar zum durchrücken zu doof bin, geschweige denn zum schaben das richtige Talent hätte) und Flädle-Suppe und ähnliche Köstlichkeiten (ich hoffe, dass gibt hinter dem Eintrag wenigstens noch ein Sternchen).

    Mit dem Essen ist es eigentlich kaum ein Problem hier. Wenn ich von bestimmten Rindfleisch-Sorten absehe, bekommt man hier eigentlich alles. Problem bereiten so Sachen wie Tafelspitz (keine Ahnung was sie mit dem Teil vom Rind hier machen, irgendwo muss es ja bleiben), Rouladen. Aber dafür gibt es hier ja einen deutschen Metzger, der das dann ab und an hat.

    Privat essen wir nämlich auch zu 95 Prozent eher wie aus Deutschland gewohnt. Ab und an wird was integriert in den Speiseplan oder es wird eben außerhausig genossen. Das einzige, was mich echt etwas nervt: Es gibt Olivenöl in hunderten Varianten, mehrere Dutzend Sonnenblumenöle und sonst nix. Keine anderen Ölsorten (höchstens noch auf der Tankstelle). Und Öl im deutschen Supermarkt kaufen ist selbst mir zu teuer.

    Und so heiß ist es auf Gran Canaria auch nicht. Es ist die Insel des ewigen Frühlings – wenn da nicht ab und an ein mehrtägiger richtig heißer Calima (das schlimmste, was ich erlebt hatte waren fünf Tage mit 48 Grad) wäre, würde es gar nicht auffallen, dass wir kurz vor Afrika sind.

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